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Jung, weiblich, türkisch – und suizidgefährdet

Posted by sioede on May 21, 2010

Welt Online – Von Christina Neuhaus 21. Mai 2010, 07:06 Uhr Junge türkischstämmige Frauen versuchen überdurchschnittlich oft, sich das Leben zu nehmen. Darauf weisen regionale Studien hin, eine groß angelegte Untersuchung fehlt bisher. Forscher aus Berlin und Hamburg wollen jetzt herausfinden, was hinter den Zahlen steckt. Erste Erkenntnisse gibt es bereits.

Türkischstämmige junge Frauen veruschen besonders oft, sich das Leben zu nehmen Nermin ist verzweifelt. Seit mehr als vier Jahren ist sie mit ihrem deutschen Freund zusammen, doch ihre Eltern arrangieren gerade die Hochzeit mit einem anderen Mann. „Meine Eltern haben auch schon gemeint, es wäre ihnen lieber, ich würde nie mehr nach Hause kommen, als dass sie wüssten, dass ich mit einem Deutschen verheiratet bin. Und dann wiederum, dass sie mich ja überall ausfindig machen werden, und dann würden sie mich umbringen“, schreibt Nermin im Forum von turkish-talk.com. „Die verbauen mir die Zukunft“, sagt sie – und bittet um Hilfe: „Wie komme ich denn da wieder raus? Ich bin am Ende mit meinem Latein.“ Schilderungen wie die von Nermin finden sich im Internet zuhauf, oft lassen die türkischstämmigen Mädchen und Frauen dabei Selbstmordgedanken erkennen. Erste Studien aus diesem Bereich sind alarmierend.

Mehrere regionale Untersuchungen etwa aus Köln und Frankfurt zeigen: Türkische und türkischstämmige Frauen im Alter von 16 bis 20 Jahren versuchen fast doppelt so häufig, sich umzubringen, wie gleichaltrige Frauen ohne Migrationshintergrund. Massive Konflikte mit den Eltern Warum das so ist und welche Gründe türkischstämmige Frauen dafür haben, einen Suizidversuch zu unternehmen, ist unbekannt; bundesweite Statistiken zu Selbstmorden und Selbstmordversuchen bei Menschen mit Migrationshintergrund gibt es nicht, von der Ursachenforschung ganz zu schweigen. Eine auf drei Jahre angelegte Studie der Berliner Charité in Kooperation der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf soll nun herausfinden, was hinter den Zahlen steckt. Weiterführende Links Türken sind die Sorgenkinder der Integration Özkan will Ausländerkinder früh in Kitas schicken Front gegen türkische Gymnasien in Deutschland Paten helfen Multikultikindern beim Lesen Ausländische Kinder sind seltener in Kitas “Alarmierend hoher Migrantenanteil bei Hartz IV” Unter dem sperrigen Titel „Suizidraten und Suizidprävention bei Berliner Frauen mit türkischem Migrationshintergrund“ werden seit Anfang 2009 in beiden Städten in den Rettungsstellen entsprechende Daten erhoben – Hamburg dient als Kontrollstadt, um die Daten vergleichen zu können.

Wenn eine türkischstämmige Frau nach einem Suizidversuch in die Notaufnahme eingeliefert wird, erfahren die Forscher in Hamburg und Berlin, wie alt die Betroffene ist, wie sie den Tod herbeiführen wollte, ob eine psychische Vorerkrankung bekannt ist und – soweit möglich – warum die Frau sterben wollte. Denn diese Frage bewegt die Forscher besonders. Erste Einsichten gibt es gut ein Jahr nach Untersuchungsbeginn bereits. „Wir vermuten als Grund für die gesteigerte Suizidrate Konflikte in den Familien“, sagt die Leiterin der Studie aufseiten der Charité, Meryam Schouler-Ocak, WELT ONLINE. Vor allem die Unterschiede zwischen den Vorstellungen der Eltern und denen der Gleichaltrigen böten viele Reibungspunkte. Die Problemgruppe der ‘”Importbräute” „Zum Beispiel wollen die Mädchen vielleicht einen Freund haben, oder sie wollen mit ihrem Freundeskreis losziehen, in die Disco gehen – aber die Eltern sagen Nein. Das kann zu massiven Konflikten führen. Oder stellen Sie sich mal vor, wenn die Mädchen jemanden heiraten sollen, den sie nicht heiraten wollen.“

Die Berliner Hilfsorganisation Papatya bietet jungen Migrantinnen in solchen Konfliktsituationen Beratung und bringt sie wenn nötig auch an einem sicheren Ort unter. Eine Mitarbeiterin von Papatya sagte WELT ONLINE, die Organisation nehme in ihrer Krisenwohnung immer wieder Mädchen und junge Frauen auf, die bereits Selbstmordversuche hinter sich hätten. mehr Bilder Migrantenstudie Türken sind am schlechtesten integriert Lesepaten So helfen Bildungsbürger Multikulti-Kindern „Oft ist es der Versuch, der Familie einen verzweifelten Hinweis zu geben, dass sich etwas ändern muss, der aber nicht gehört wird oder den die Familie nicht wahrnehmen will“, berichtet die Mitarbeiterin weiter. „Manchmal hat uns auch schon ein Mädchen gesagt, lieber bringe ich mich selber um, als dass es mein Bruder tut.“ Die jungen Frauen, die zu Papatya flüchteten, fänden im familiären Umfeld keinerlei Unterstützung – daher sähen einige nur noch den Ausweg des Selbstmords. Die in türkischen Familien präsenten Konflikte um Traditionen, Werte und die Vorstellungen von der Tochterrolle kämen bei Deutschen ohne Migrationshintergrund praktisch nicht vor, meint die Psychiaterin Schouler-Ocak. Sie könnten aber eine junge türkischstämmige Frau durchaus dazu verleiten, einen Suizidversuch zu unternehmen.

Auch die Studie „Suizidsterblichkeit unter Türkinnen und Türken in Deutschland“ der Epidemiologen Hajo Zeeb und Oliver Razum aus dem Jahr 2004 kommt zu diesem Schluss. Die hohe Selbstmordrate unter jungen Türkinnen sei vermutlich durch „sozial oder kulturell bedingte Konfliktsituationen“ erklärbar, heißt es in der Zusammenfassung der Ergebnisse. Meryam Schouler-Ocak weist darauf hin, dass es sogar vorkomme, dass Frauen völlig unselbstständig seien und überhaupt keine Wertschätzung erführen und vom Ehemann oder der Familie in jeder Hinsicht, insbesondere finanziell, abhängig seien. Schouler-Ocak, die selbst aus der Türkei stammt, weist in diesem Zusammenhang vor allem auf die Gruppe der sogenannten „Importbräute“ hin – Frauen also, die aus der Türkei nach Deutschland verheiratet wurden bzw. eingeheiratet haben. Sie können nach Einschätzung der Ärztin oft kaum Deutsch, haben keine Freunde und sind damit dem Ehemann geradezu ausgeliefert. In einer solch isolierten Situation kann Selbstmord besonders schnell als einziger Ausweg bei schwerwiegenden Problemen erscheinen. Türkischsprachige Krisenhotline wird eingerichtet Hier kommt die nächste Überlegung der Berliner Forscher ins Spiel: Auf welchen Wegen könnte eine von Selbstmordgedanken geplagte türkischstämmige Frau Hilfe suchen? In sogenannten Fokusgruppen debattierten sie das Thema mit verschiedenen Menschen – darunter auch Frauen, die schon versucht haben, sich umzubringen. „Wir haben gefragt, welche Gründe könnten eine türkischstämmige Frau dazu bewegen, einen Suizidversuch zu unternehmen“, sagt Schouler-Ocak. „Und dann wollten wir wissen, an wen sie sich mit solchen Gedanken wenden würde, wo sie Hilfe suchen würde.“ 

 Ein vorläufiges Ergebnis der Gespräche: Oft werden psychische und andere Probleme in der türkischstämmigen Gemeinschaft als familieninterne Angelegenheit angesehen. Schwierigkeiten trägt man nicht nach draußen, höchstens einer Freundin oder dem Hausarzt, den man gut kennt, vertraut man sich an. In vielen Fällen, so Schouler-Ocak, seien auch Hilfsangebote für Menschen mit psychischen Problemen gar nicht bekannt. Genau hier setzt der dritte Baustein der Studie an: die Intervention. Mittels Plakaten, Handzetteln und einer Medienkampagne sollen Hilfsangebote in Berlin bekannt gemacht werden – vor allem eine neue türkischsprachige Krisenhotline, bei der man sich anonym melden kann.

Eine junge Frau in einer schwierigen Lage, so die Hoffnung, würde dann zum Beispiel beim Hausarzt ein entsprechendes Plakat sehen oder im Radio einen Werbespot hören. Zudem sollen Schlüsselpersonen der türkischstämmigen Community, zum Beispiel Lehrer und Ärzte, geschult werden, um Informationen weiterzutragen.

„Wenn eine Frau ein Problem hat und von einem passenden Angebot erfährt, nimmt sie es vielleicht in Anspruch“, hofft die Psychiaterin.

Die Medienkampagne soll im Juni beginnen und ein halbes Jahr laufen. In Hamburg unterbleibt die Interventionsphase, um einen Vergleich anstellen zu können. Die Hoffnung der Forscher ist, dass sie in den folgenden Monaten in Berlin einen positiven Effekt erkennen können – indem die Selbstmordversuche unter jungen türkischstämmigen Frauen zurückgehen.

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