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Integration, Islam, Studien und Umfragen

Posted by sioede on November 23, 2009

Gideon Böss

von Gideon Böss, Journalist, 22.11.2009 – 18.07 Uhr, Welt online

In regelmäßigen Abständen werden Umfragen veröffentlicht, die feststellen, wie wohl, unwohl, angenommen oder abgelehnt sich Moslems in Deutschland fühlen. Über die Ergebnisse wird dann in der Öffentlichkeit solange diskutiert, bis die nächste Studie da ist, die interpretiert und gedeutet werden will. Deutschland bekommt dabei immer die Hauptschuld am „Scheitern“ angelastet. Dabei wird fast immer die wichtigste Frage übersehen, nämlich die, ob es objektive Gründe gibt, die speziell die Integration dieser einen Gruppe verhindern. Dazu kann man festhalten: Deutsche Moslems sind keinen Schikanen ausgesetzt, sie genießen Religionsfreiheit, dürfen wählen, sich frei bewegen, ihre Meinung sagen und müssen keine spezielle Kleidung tragen. Sie werden behandelt wie alle anderen auch. Mehr gibt die liberale Demokratie nicht her, der Rest ist, was du draus machst.

Auch wenn man es wegen dieser automatischen Gleichsetzung von Migrant = Moslem schnell vergessen kann, gibt es noch andere Einwanderergruppen, die hier irgendwie ankommen müssen. Ob sie es schaffen, wird kaum thematisiert, das findet außerhalb der interessierten Öffentlichkeit und ohne Studien und Umfragen statt. Vielleicht will man es auch nicht zu genau wissen, denn bei genauerem Hinsehen fällt auf, dass sie es alle schaffen. Was dann zur Frage führt, warum das Integrationsproblem eigentlich Integrationsproblem genannt wird, ganz so, als würde dieses Problem Vietnamesen ebenso betreffen wie Moslems. Was dann wieder die Frage aufwirft, was es für spezielle Gründe gibt, die es ausgerechnet den Moslems so schwer machen, sich zu integrieren. Die Antworten könnten unfreundlich sein und wer will schon so über Minderheiten klartexten? Also bleibt es eben im Vagen.

Doch es wird noch merkwürdiger. Nicht einmal die Behauptung, dass Moslems es in Deutschland schwerer als andere haben, stimmt ja. Für die Exil-Iraner stimmt das nicht. Für gebildete Türken stimmt das nicht. Man kann sogar sagen, dass es nur für die stimmt, in deren Familien man die Werte des Mittelalters hochhält. Wer aus Prinzip ungebildet bleibt, aggressiv gegen die eigene Familie und nach außen ist, seine Intoleranz und Frauenfeindlichkeit für den Ausdruck einer moralischen Überlegenheit hält, dem verweigert man aus gutem Grund Lehrstelle und Arbeitsplatz.

Für alle anderen Moslems gilt, was für alle anderen gilt, dass man sich durchsetzen muss, etwas Glück braucht, immer wieder scheitern kann und es weiter versucht. Wer Rückschläge im Beruf immer mit Faktoren erklärt, die nicht änderbar sind (Abstammung, Vorname u.ä.) und nicht darüber nachdenkt, welche anderen Gründe es noch geben könnte, hat es sich im Verlierer-Eck gemütlich gemacht. Vielleicht gab es einfach besserer Bewerber (vielleicht sogar bessere, die auch Moslems sind)?

Solche Umfragen sind auch deswegen fragwürdig, weil dabei der Eindruck entsteht, dass man es in Deutschland als Moslem schwerer als andere hat. Dabei gibt es keinen Spitzenpolitiker, der nicht betonen würde, dass der Islam hierher gehört, wenn Ramadan ist, dürfen in der Bild-Zeitung Moslems über ihr Fasten berichten, ähnliches gilt für die Pilgerfahrt nach Mekka. Gerichte setzen Gebetsräume für muslimische Schüler durch und es finden Islamkonferenzen statt. In den Buchhandlungen gibt es eine riesige Auswahl zum Thema Islam und die Deutschen machen ihren Urlaub im muslimischen Ägypten, Marokko oder der Türkei. (Von so einer Art von Ausgrenzung können andere Minderheiten nur träumen.)

Von einer Deutschen Abneigung gegen den Islam kann keine Rede sein. Wer damit die fehlende Integration so vieler Moslems erklären will, macht es sich zu leicht. Die Gründe dürften wohl eher innerhalb dieser Gruppe selbst liegen. Mal sehen, ob die Studien- und Umfragenersteller sich künftig verstärkt damit beschäftigen. Es macht zwar mehr Spaß, einer abstrakten Gesellschaft Fehler vorzuwerfen und nicht richtigen Menschen, aber für die Integration dieser Menschen könnte das letztlich doch der bessere Weg sein.

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